Wednesday, November 29, 2006

Ein Katzensprung bis zum Mars

Seit meiner Abreise aus Marokko ist einige Zeit verstrichen und vieles hat sich in Verbindung mit dem Ortswechsel verändert (normal? - nicht ganz...!).
Der Ortswechsel war ja doch nicht nur ein Wechsel der Kontinente, sondern entpuppte sich als eine Reise in eine völlig andere Welt. Von Marokko auf die Kanaren (nach Spanien) ist es ein Katzensprung - wenn man mal von meiner Reiseroute absieht, die von Agadir aus, über Frankfurt, einen achtstündigen Aufenthalt am Frankfurter Flughafen, via Madrid und vier Stunden Wartezeit dort, bis zur Ankunft auf Lanazrote, insgesamt 33 h in Anspruch genommen hat. Am nähesten Punkt liegen die beiden Landmassen 94km voneinander entfernt.
Von Afrika nach Europa ist es allerdings ein Stückchen weiter! Ungefähr so weit wie von der Erde zum Mars...und zurück!
In all ihrer Natürlichkeit unterscheiden sich diese zwei 'Orte' von grundauf so dermaßen, dass sie sich auf den ersten Blick auszuschliessen scheinen!

Bei der Landung am Flughafen von Arrecife begegnen sich in meinem Kopf Festland und Insel, Französisch, bzw. Arabisch und Spanisch, Armut und Wohlstand, Muslime und Christen, Offenheit und Reserviertheit, Neugier und Ignoranz, Lebensfreude und Verbissenheit, Vertrautes und Neues...und hinterlassen ein schwierig zu ordnendes Durcheinander!
Vertrautes erscheint plötzlich fremd. Ungerechtigkeit und Undankbarkeit, bzw. Dankbarkeit definieren sich anhand des Erlebten und Erfahrenen neu und beginnen neue Dimensionen anzunehmen! In meiner Position fühle ich mich vom Glück geküsst...

Die Natur schien meine Eindrücke bestätigen zu wollen. Die Famara Bucht im Norden der Insel, -wo auch die von mir angestrebte Ausbildung zum Wellenreitlehrer-Assistenten in den kommenden Tagen stattfinden sollte- lag wild schäumend vor meinen (nach 37 wachen Stunden) übermüdeten Augen, die ich mit frischem Kaffee zu öffnen versuchte und bot ein gewaltiges Schauspiel:
Unvorstellbar kraftvoll und scheinbar unaufhaltsam schieben sich Berge an Wassermassen gegen gewaltige, ablandige Windböen in Richtung Strand. Sie scheinen das Kräftemessen der Elemente für sich zu entscheiden, während sie meterhohe Wolken an Gischt hinter sich herziehen um anschließend mit all ihrer Gewalt auf den vulkanischen Untergrund zu brechen. Ein Kräftemessen, dass begleitet von weichem und diesigem Sonnenlicht, welches die riesigen Vulkangebirge im Hintergrund sanft zu streicheln scheint, in all seiner Realität unwirklich und skuril anmutet.

Es entsteht unwillkürlich das Bild einer Welt, deren Natürlichkeit und Schönheit vollkommener nicht sein, die zugleich jedoch nicht gegensätzlicher und widersprüchlicher erscheinen könnte... Die Frage, wie Wasser und Erde, trotz ihrer völligen Unterschiedlichkeit, ein und dasselbe Universum bilden können, ist diesselbe, die sich mir im Bezug auf Afrika und Europa stellt? Wie können diese beiden Kontinente, Länder, Völker, Religionen, Gesellschaften, bei all ihrer Gegensätzlichkeit (die ich in diesen Wochen so intensiv erfahre) auf ein und derslben Welt (nur 94km voneinender entfernt!) liegen?
Eine sinnlose, aber berechtigte Frage, die mir allerdings unbeantwortet bleibt...

Von allumfassenden Gedanken und theoretischen Frage- und Antwortspielen, die ich in diesen Tagen gerne spiele, bin ich nun also bei meiner nächsten Reisestation angekommen: Dem DWV-Surfcamp auf Lanzarote. Nach den ersten, beschriebenen Schwierigkeiten des Neu-(Wieder)Eingewöhnens, habe ich es geschafft, meine Mentalität soweit umzustellen, dass ich mich für die Ausbildung, sowie alle anderen kommenden Herausforderungen gut gewappnet fühlte. Selbst europäische Preise haben nach dieser kurzen Phase der 'Rückgliderung' (natürlich völlig übertrieben ausgedrückt - aber zurecht!) keine Atemnot mehr beim Einkaufen verursacht...
Ich konnte also wieder mit normalem Puls durch Straßen und Kaufhäuser laufen, mich theoretischen Themen wie Wetterkunde widmen und mir die Tage nach anderen Kriterien einteilen, ausser den Gezeiten, dem Sonnenauf und -untergang, sowie dem obligatorischen Magenknurren am Abend.

Der Tagesrhythmus war jetzt mehr oder weniger fremdbestimmt...'Zeitmanagement' war nun angesagt: meine Königsdisziplin! Mehr oder weniger pünktlich (Interpretationssache...), bin ich zu allen angesetzten Terminen und Treffpunkten erschienen und habe alle Prüfungen soweit erfolgreich über die Bühne gebracht! Die Ausbildung zum 'Wellenreitlehrer-Assistenten' habe ich nun also abgeschlossen. Perfekt! Der Ausbilder (Norbert "Mr. Wrouts" Hoischen), die Auszubildeneden -zwei an der Zahl- (Karolina und ich), sowie alle Kursis, Gäste und Lehrer (Chris), waren relaxt und total entspannt!
Es waren zwei unheimlich schöne und ereignisreiche Wochen auf Lanzarote, der nördlichsten von insgesamt 7 kanarischen Inseln. Das ein oder andere wurde gelernt -das muss ich schreiben, falls Norbert hier vorbeischauen sollte ;)-, ich bin einige Male an epischen Tagen gesurft (und habe mich dabei in die Hafenwelle von Caleta verliebt - picture!) und durfte meine Zeit mit unverschämt sympathischen und interessanten Menschen teilen...mal wieder!


Am Dienstag, den 28.11 hieß es dann ein weiteres Mal Abschied nehmen, um die Reise weiter in Richtung Fuerteventura fortzusetzen. Mit der Fähre ging es von Playa Blanca, im äussersten Süden Lanzarotes, in 20 Minuten rüber nach Corralejo, dem nördlichsten Zipfel Fuertes. Ich liebe Bootsfahrten! Der kalte, böige, salzhaltige Meerwind säuselt einem um die Nase, strahlender Sonnenschein und all die Gedanken kommen, so schnell, wie sie wieder gehen...der Hammer!
Beim Einlaufen in den Hafen von Corralejo erwartete mich dann schon ein alter Bekannter, dem der Spitzname "sanfter Riese", passt, wie der Deckel auf den Topf: Daniel 'der Funkmaster' Fink! Ihn, sowie Patti und Uschi, bei denen ich seither im Camp wohne, kenne ich noch von meinem vierwöchigen Praktikum, das ich im Sommer 2004 im Surfcamp in St. Girons, Frankreich gemacht habe! Hier hängen wir nun zusammen rum, surfen, essen, schlafen, chillen und arbeiten darüber hinaus ein wenig im Camp.

Ich geniesse meine letzten Tage auf den Kanaren so sehr ich kann, erhole mich und bereite mich währenddessen schon einmal auf mein nächstes (Haupt-) Ziel, Mittelamerika vor! Das wird der absolute Abenteuerhammer!
Das erste Ziel in Zentralamerika wird Guatemala sein, wo ich ca. vier Wochen bei einer Gastfamilie untergebracht bin und versuche der spanischen, wie ich finde, sehr schönen Sprache mächtig zu werden.
Davor muss ich allerdings noch einige Wellen surfen und abspeichern, denn in Antigua (der alten Hauptstadt Guatemalas, in der ich mich aufhalten werde), in einer Höhe von ca. 1500 Metern, werde ich keine Wellen finden...schnief! Vielleicht die Wochenenden...?! Alles noch ziemlich weit weg...
Es bleiben fünf hoffentlich surfreiche Tage auf Fuerteventura!

Enjoy your Lives und bis demnächst aus Guatemala!



Aloha Henner

Saturday, November 11, 2006

Merci Maroc!

Den Sonnenuntergang habe ich hinter mir! Ein Augenblick, der immer ein wenig Wehmut in mir weckt. Wahrscheinlich auch, da ich mich so langsam aber sicher von Marokko verabschieden muss. Denn kommenden Mittwoch (14.11.06) mache ich mich auf zu neuen Ufern. Den Kuesten von Lanzarote und Fuerteventura!
Aber Langsam...noch geniesse ich dich, Marokko!

In den Wochen seit meinem letzten Eintrag habe ich viele verschiedene und interessante Menschen kennengelernt und die unterschiedlichsten Gespraeche gefuehrt, die alle einen eigenen Eindruck bei mir hinterlassen haben! Aber so unterschiedlich die Charaktere, ihre Hintergruende, Lebensabschnitte, Auffasungen und Eindruecke auch seien moegen, so aehnlich sind die Gedanken und Gefuehle der einzelnen Personen am Ende eines intensiv -auf drei oder vier Sprachen gefuehrten- Gespraeches!


Es ist wirklich erstaunlich, dass ein 38-jaehriger, lediger, hagerer Franzose, der mit Surfen garnichts am Hut hat und ein 20-jaehriger "heissbluetiger deutschsprachiger Reissporn", der alles moegliche und nichts -aber vor allem Moeglichen, das Surfen im Kopf hat- , miteinnander stundenlang auf drei verschiedenen Sprachen miteinander reden koennen, ohne dass Einem der Beiden langweilig wird! Und das Beste ist, die Beiden finden dabei auch immer wieder Gemeinsamkeiten...
...38 und 20!? Franzoesisch - Deutsch!? Schwul - hoechstwahrscheinlich nicht schwul!?...
Und dies ist nur einer von insgesamt -glaube ich- 10 der unterschiedlichsten Arten der Kategorie homo sapiens sapiens, die sich derzeit auf diesem Planeten finden, mit denen ich stundenlang ueber Gott und die Welt (und manchmal andere Welten -ich bin in Marokko...- gecheckt...;) geredet habe!


Einfach einmalige und unfassbare Erfahrungen, die ich in Deutschland glaube ich nicht machen werde! Ausser ich setze mich demnaechst mal -nach meiner Rueckkehr versteht sich- in einem Cafe an einen Tisch, an dem ein 32-jaehriges franzoesisches, wildfremdes Paar mit ihrem 3 Jahre alten Kind sitzt und frage sie, was die denn so machen und ob wir uns demnaechst mal ne Cola kaufen gehen...oder so!? Crazy...

Abgesehen von dieser Art von akustischem und bi- oder trilingualem Abenteuer, habe ich hier seither die Natur genossen! Allerdings nicht in Form perfekter, gleichmaessig brechender, hohler, steiler und konstant anrollender Wellen! Die gibt es hier naemlich seit sieben Tagen nicht mehr...und die Wetterkarten und Forecasts versprechen bis zu meiner Abreise leider keinerlei Besserung! Schon bitter!

Aber Marco, der 33-jaehrige italienische Soul-Surfer mit dem ich mir hier in Taghazout -seit meiner Ankunft aus dem suedlicheren Mirleft: ein wunderschoener Ort!-, dass Zimmer und die gemeinsame Zeit geteilt habe, und ich, haben im Laufe dieser unschoenen Entwicklung gelernt auch damit umzugehen! Statt voellig gestoked in eine Barrel nach der anderen zu ziehen, haben wir unsere Wellenreiter im Hotel gelassen und sind -wie man das in einem kristallklaren See (kein Scheiss:"See"!!) so macht-, schwimmen gegangen und haben am Strand mit herrenlosen Hunden gespielt! Wir haben versucht uns die Zeit zum Freund zu machen und waren nach anfaenglichen Schwierigkeiten, sehr erfolgreich in unserem Vorhaben! Aus Erfahrung kann ich also sagen: "Die Zeit -wie uebrigends die Welt auch- ist ein guter und treuer Freund! Die beiden begleiten uns ueberall hin..."

Nun ist Marco zurueck nach Italien gereist und surft hoffentlich dort die ein oder andere Welle!? Hier findet surfen in den naechsten Wochen jedenfalls nicht statt! "Flat-Spell" nennt man sowas im Fachjargon. Vielleicht definiert sich dieser Begriff gerade im Zeitalter des globalen Klimawandels auch neu!? Warum er das allerdings in meiner Gegenwart tun muss, weiss ich nicht genau...
Ich befuerchte jedoch, dass die ersten Surfbilder meiner Marokkoreise auch die letzten waren! "Domage!"

Folglich werde ich mich also auch die naechsten Tage an den kleinen, (wenn man sie wahrnimmt) wunderschoenen Dinge des Lebens hier in staendiger Begleitung von Sonne, Strand und Ozean, erfreuen!
Auf diese Weise werde ich ganz allmaelich Abschied von diesem wirklich interessanten und, auf eigene Weise, schoenen Land, Marokko, nehmen! Die Vorbereitungen auf mein naechstes Ziel, die Kanaren, beginnen in den kommenden Tagen!
Ich sage "Danke" Marokko fuer die vielen schoenen Erlebnisse und Eindruecke, die du mir gewaehrt hast! Du warst ein sympathischer und freundlicher erster Gastgeber auf meiner Reise durch den endlosen Sommer!
Das mit den Wellen nehme ich dir nicht uebel, aber du schuldest mir was...

Bis bald -denn ich komme wieder- und Aloah Henner