Hola aus Guatemala
Gerade noch eine epische Session am Rocky Point gesurft, mich einige Tage mental auf die Reise nach Mittelamerika (und die Tatsache, dass Surfen in den dann anbrechenden vier Wochen nur an den Wochenenden stattfinden wird...) vorbereitet, Palmen zugeschnitten und mich von Daniel und Co. verabschiedet, sitze ich heute schon in einem Cyber-Cafe in Antigua, Guatemala und tippe diese Zeilen.Wie gewohnt, war meine Anreise etwas verplant und hat mehr Zeit in Anspruch genommen, als eigentlich noetig! Aber was ist schon noetig!? Noetig sind Erfahrungen, die - gut oder schlecht, aufregend oder langweilig, noetig oder unnoetig- gemacht werden.

Eine meiner Erfahrungen, die ich noch vor der Reise ueber den grossen Teich gemacht habe, war, dass mich der Frankfurter Flughafen auch beim zweiten Mal 8 Stunden Aufenthalt zwischen den Anschlussfluegen -dieses Mal: Fuerte via Madrid nach Frankfurt;...8 h...und via Madrid nach Guatemala City- nicht sonderlich vom Hocker reist. Oder besser gesagt von der unheimlich harten Stahlbank im Terminal 2, auf der ich (zum zweiten Mal!) versucht habe mir die Wartezeit von 00:00 bis 7:00 um die Ohren zu hauen.
Das Schlafen sollte auch dieses Mal weder im Terminal, noch im Flugzeug klappen! So kam es, dass ich nach ca. 42 wachen Stunden in Guatemala City landete und voellig ueberraschend nicht ganz bei Sinnen war, als ich zum ersten Mal (mehr oder weniger) amerikanischen Boden unter meinen Fuessen spuerte. Auf dem Flug hatte ich alles Moegliche bezueglich Guatemala und wie so oft ueber das Phaenomen Lebensgestaltung und -fuehrung in meinem Kopf . Was hat man nicht alles ueber dieses, wie viele andere mittelamerikanische Laender gelesen...
Dass das Leben auf diese reisende, ortswechselnde, abenteuerliche, ungebundene, spannende, nachdenkliche, durch Raum & Zeit surfende und "ueberall-und-niergendwo-seiende (?!)" Art und Weise noch unwirklicher und wunderbarer, aber auch unsicherer und zerbrechlicher erscheint, als einem (oder mir) das bewusst ist, bedarf keiner Erklaerung! Das macht es allerdings nicht weniger unbegreiflich...

Frei nach dem Motto, dass sich jeder Mensch den Luxus seiner eigenen Meinung leisten sollte, habe ich mich entschlossen, so unvoreingenommen wie moeglich in dieses Land zu reisen.
Das war anfangs, muss ich gestehen, nicht ganz so leicht! Aber hat man sich ersteinmal an die Horrorstories, die taeglich in den Zeitungen erscheinen, Statistiken wie "5900 Gewaltopfer durch Schusswaffen allein in diesem Jahr" (welches noch nicht vorbei ist...) und dem obligatorischen Security-Guard mit er Pumpgun vor jedem noch so kleinen "Tante-Emma-Laden", oder fuenf bis sieben dieser ernsten Gestalten vor und in Banken, sowie den bis aufs Horn bewaffneten Polizeipatroullien, die hier die Strassen "sichern", gewoehnt, dann kann man vor allem in Antigua eine Menge Spass haben! Auch bei Nacht!
Allerdings war dieser Ortswechsel nicht nur von den bereits beschriebenen Aenderungen in Umgebung, Kopf, Gefuehl und Erwartungen, sowie der ungebrochenen Begeisterung fuer das Leben begleitet, sondern von einem Jetlag von -7 h und einem Hoehenunterschied von ca. 1600 Metern. Also erseinmal tranquilo...
Nun bin ich bereits eine gute Woche hier und hatte genuegend Zeit, mich zu aklimatisieren und in Antigua zu orientiern und einzuleben. Selbst wenn ich auf dem eigentlich relativ kurzen und einfachen Weg von der Schule, zurueck zum Haus meiner Gastfamilie gelegentlich noch verloren gehe und anstatt 10, 20 Minuten zurueck brauche (somit dann zu spaet zum Mittag erscheine...), glaube ich Antigua mittlerweile ganz gut zu kennen!
Diese Stadt kann einem nur gut gefallen: Unterschiedlich breite, aus alten "Cobble-Stones", vor Jahrhunderten per Hand gepflasterte Gassen und Strassen, schlaengeln sich durch Antigua, vorbei an den zahllosen mehr oder weniger verfallenen und teilweise renovierten, aber imposanten
Kirchen und gigantischen Altbauten, die an die Kolonialzeit dieser antiken Stadt erinnern. Das "Blocksystem" aus "avenidas" (Strassen, die von Nord nach Sued laufen ) und "calles" (Ost - West) muendet im Zentrum, im grossen wunderschoen angelegten "Central-Park" der Stadt, die zurecht zum UNESCO Weltkulturerbe erklaert wurde!
Wenn sich die Woche hier dem Ende neigt, werden die Spanischsachen langsam beiseite gelegt und durch Auszuege aus dem "Stormrider Guide" abgeloest, die mir sagen, dass es sich lohnt fuer nur zwei Tage und eine Nacht (Samstag auf Sonntag) ca. 4h an die Kueste zu fahren!
Den ersten dieser Wochenendtrips habe ich bereits hinter mir. Wie so oft, wird aus so einem kurzfristigen Ausflug schnell eine Mission!
"Mission Impossible I" hatte zwei Hauptdarsteller: Roger, der wohlerzogene, 40-jaehrige, englische Gentleman, der seit nun zwei Jahren in Barcelona wohnt und in Antigua die letzten drei Wochen seines insgesamt achtmonatigen Trips von Kanada bis Guatemala (alles mit dem Motorrad zurueckgelegt!), in einem Sprachkurs ausklingen liess und mich...
Roger und ich wollen an die Kueste. Das Ziel: Sipacate, ca. 160km von Antigua entfernt, an der Pazifikkueste Guatemalas gelegen und bekannt fuer einen relativ guten Beachbreak. Kurzerhand entscheiden wir uns, das zusammen durchzuziehen.
8:00. Die Route ist klar: Von Antigua nach Escuintla und von dortaus ueber zwei weitere Orte (La Democracia und Siquinala), bis nach Sipacate. Das Budget legen wir bei 400 Qetzales (ca. 40 Euro) pro Person an.
Der Chickenbus Richtung Escuintla ist auf dem sehr uebersichtlich angelegten (!?) Busbahnhof Antiguas schnell ausgemacht! Wie ueblich wird das sperrige Gepack der Fahrgaeste auf dem Dach....gelagert. Um sicherzugehen, dass mein Surfbrett wenigstens an einer Schnur festgebunden wird, steigen Roger (der schon einige Erfahrung in Sachen Chickenbus hat) und ich aufs Dach... der Fahrer des Busses scheint das entweder nicht mitbekommen zu haben, oder es ist ihm egal. Der Bus faehrt los und wir hocken samt Gepaeck auf dem Dach! Da alles Rufen und Schreien nicht fruchtet wagen wir nach ca. fuenf Minuten den Stunt, waehrend der Fahrt durch den Notausstieg am Ende des Busses ins Innere zu gelangen...einige Schweizperlen spaeter ist das Kunststueck geglueckt und wir sitzen im "gut beluefteten" Chickenbus, der uns unbeschadet (auch nicht selbstverstaendlich: Roger schliesst das ein oder andere Mal die Augen - zum Zwiegespraech mit dem Herren...) bis nach Escuintla bringt.
Dort angekommen, bekommen wir die Info, dass der Anschlussbuss nach Sipacate vom Nordende der Stadt faehrt. Standort: Suedende...
Egal. Vielmehr eine sehr gute Gelegenheit fuer Roger (der in Antigua keinen ATM finden konnte, der funktionierte), endlich die noetigen Qetzales fuer unseren Trip abzuheben. Nicht zuletzt ist das noetig, da ich nur 300 Qs mitgenommen habe, weil er mir noch ein wenig schuldete. Er hat bis zu dem Zeitpunkt "nix auf tash"...
Eine gute Stunde Fussmarsch und einige Orientierungsgespraeche spaeter, hatten wir zahlreiche Salze und Vitamine an unseren Schweiss verloren, aber kamen wohlbehalten am Nordende der brummenden Industriestadt Escuintla an, wo wir auch direkt in den naechsten "Chickenbus" nach Sipacate einsteigen konnten. Das Gepaeck (auch das Surfbrett!) nahmen wir dieses Mal mit ins Innere. Als wir etwas ausgelaugt, einen der zahlreichen, jungen Getraenkeverkaeufer, welche die Busse stuermen sobald diese anhalten, nach zwei kuehlen Wassern fragten, bekamen wir...zwei Flaschen stilles Wasser - gefroren! Geld hatte Roger immer noch nicht abheben koennen, da auch hier kein ATM Qetzales ausspucken wollte...dann halt in der naechsten Stadt...
Gute zwei Stunden spaeter (es war 14:02) hatten wir bereits den letzten Zwischenstopp, Siquinala, erreicht. Perfekt. Die Luft schmeckte langsam schon salziger, ich wurde unruhiger und Roger konnte endlich sein Geld holen...
Konnte er nicht! Die einzige Bank im ganzen Ort, hatte um 14:00 seine Tueren geschlossen und wuerde diese erst wieder am Montagmorgen oeffnen. Es war Samstag...
"Whatever. I am sure, I can get some money somewhere in Sipacate, don't you think so?!"
14:40. In Sipacate angekommen, wird uns bewusst, dass unser Budget fuer dieses Wochenende auf 225 Qetzales, die ich nach Bezahlen der Busfahrten noch in der Tasche hatte, beschraenkt bleiben wuerde...das sind ca. 22 Euro! "Egal. Darum kuemmern wir uns spaeter. Jetzt erstmal ab an den Strand und rein ins Wasser!"
Wirklich...!?
Zwei Fahrten mit dem "lancha" (so werden die kleinen Boote genannt, mit denen man vom Ort aus fuer umgerechnet 20 Qs ueber den grossen Mangrovenfluss uebersetzen muss, bevor man den Strand letztendlich erreicht, an dem man dann nur ein einziges riesen Hotel vorfindet, dass pro Nacht/Person 400 Qetzales kostet), stehen wir wieder auf der ozeanfernen Seite des Flusses, an genau dem Ort, an dem wir entschieden hatten, uns spaeter um das Geldproblem zu kuemmern...
Es ist 16:25! Seit dem Fruehstueck nichts gegessen; durchgeschwitzt; kein Hotel; nicht am Strand, sondern in der unheimlich aermlichen Kuestenstadt Sipacate; umringt von zahllosen herrenlosen, ziemlich runtergekommenen Hunden, die uns als Leidensgenossen scheinen ausgemacht zu haben (?!); Rucksaecke auf den Ruecken; Surfbrett unterm Arm; und nunmehr nur noch 205 Qs in der Tasche, stehen wir viel zu weit vom Meer entfernt etwas desillusioniert und planlos in der Gegend rum...
...zwei Tage spaeter, zurueck im kuehleren und vergleichsweise luxurioesen Antigua, haette das Wochenende nicht besser laufen koennen.
Die Bilanz: Zwei surfreiche, sonnige und entspannte Tage; eine Nacht in einem passabelen Hotel fuer 40 Qs (!), vier Fahrten mit dem lancha (40 Qs) quer durch die Mangroven; frische Schrimps mit Reis und Tortillas fuer 30 Qs zum Mittag; eine Ananas fuer 7 Qs, zwei Bier, und zwei frische gegrillte Fische (die es gratis zum Bier gab !?) fuer 18 Qs zum Abend; sowie ein Fruehstueck und eine vorzuegliche Melone kurz vor der Abreise...
Macht genau 70 Qs Restgeld fuer die Rueckfahrt und zwei Flaschen Wasser...vielleicht fluessig?! Genial.
Den Preis fuer die "Best Low Budget Production" des Jahres gewinnen wir mit dieser Neuauflage "Mission Impossibles" ganz sicher...
Morgen ist es dann wieder soweit! Der naechste Trip an die Kueste findet fuer mich allerdings mehr oder weniger allein statt, da Roger vor einigen Tagen abgereist ist. Aber wie koennte ich in staendiger Begleitung meiner "Negra Bonita" je allein sein...?!
Weihnachten feiere ich dieses Jahr also beim freudigen Spielen im Pazifik, der mir mit jeder Welle, die er mir schenkt, eine groessere Freude bereiten wird...
Euch wuensche ich allen ein frohes, besinnliches und erholsames Weihnachtsfest im Kreise eurer Lieben! Lasst es euch gut gehen und enjoy yourselves!
"Feliz navidad y un buen ano nuevo de Antigua, Guatemala!"
Aloha Henner
